Ein eigener methodischer Ansatz für den Englischunterricht von Menschen mit vollständigem oder teilweisem Sehverlust
Mein methodischer Ansatz ist ein umfassendes System zum Erlernen der englischen Sprache, das für Menschen mit vollständigem oder teilweise eingeschränktem Sehvermögen angepasst ist. Grundlage ist eine Gestaltung des Lernprozesses, bei der das Erlernen der Sprache nicht von einer ständigen Nutzung visueller Materialien abhängig ist und in den ersten Lernphasen keinen verpflichtenden Einsatz der Brailleschrift voraussetzt, wenn es sinnvoll ist, auch später nicht unbedingt benötigt wird.
Die Methodik basiert auf bereits bestehenden und gut bewährten Ansätzen und Methoden des Fremdsprachenunterrichts, die ich entsprechend meinen Zielen sowie den Besonderheiten des Unterrichts von Menschen mit vollständigem oder teilweise eingeschränktem Sehvermögen auswähle, anpasse und neu strukturiere. Dabei berücksichtige ich auch bestimmte funktionale Einschränkungen, die damit einhergehen können. Gleichzeitig ergänze ich sie in einzelnen Bereichen durch eigene methodische Entwicklungen und Techniken, die speziell für die Aufgaben des Englischunterrichts unter diesen Bedingungen entwickelt wurden.
Kommunikativer und situativer Ansatz
An erster Stelle verwende ich den kommunikativen und den situativen Ansatz, da ich der Meinung bin, dass eine Sprache am besten erlernt wird, wenn ein Mensch ihr in einem verständlichen Kontext und in Verbindung mit einer konkreten kommunikativen Situation begegnet.
Daher wird neues lexikalisches und sprachliches Material durch speziell entwickelte Polyloge eingeführt - Gespräche zwischen mehreren Personen, die durch eine bestimmte Geschichte miteinander verbunden und konsequent um eine konkrete Alltagssituation aufgebaut sind. Diese Polyloge sind gezielt so gestaltet, dass sie einen grundlegenden, besonders häufig verwendeten Wortschatz sowie leicht erlernbare sprachliche Wendungen und feste Ausdrücke enthalten, die organisch in die Handlung eingebunden sind. Dadurch kann die für die Kommunikation wichtigste sprachliche Grundlage nicht in Form einzelner Wort- und Satzlisten vermittelt werden, sondern innerhalb eines zusammenhängenden und verständlichen Kontextes. Das Prinzip der Verwendung von Polylogen habe ich aus einer bereits bestehenden Lehrmethode übernommen, das Material und die Art seiner Anwendung habe ich jedoch an die Ziele meines Ansatzes und an den Unterricht und die Bedürfnisse von Menschen mit Sehverlust angepasst und weiterentwickelt.
Das neue sprachliche Material wird durch das Vorlesen des Polylogs, seine Übersetzung und ausführliche Erklärungen eingeführt. Ich erkläre die Bedeutung von Wörtern und Ausdrücken, ihre Verwendung, häufige sprachliche Muster und feste Wendungen sowie ihre Funktion in der jeweiligen Situation.
Im Verlauf der Arbeit erkläre ich die Bedeutung neuer Wörter und Ausdrücke, Besonderheiten ihrer Verwendung, sprachliche Wendungen und feste Konstruktionen und mache außerdem darauf aufmerksam, wie sie innerhalb einer konkreten Situation funktionieren. Dadurch lernt die Person nicht nur einzelne Wörter oder Ausdrücke auswendig, sondern versteht zunehmend, wie diese miteinander verbunden sind und verwendet werden. Nachdem das Material gelernt wurde, wird es auf neue Situationen übertragen. Der Lernende lernt, bereits bekannte Wörter, Ausdrücke und sprachliche Modelle außerhalb des ursprünglichen Polylogs zu verwenden, einzelne Elemente zu verändern und sie an neue Umstände anzupassen. Auf diese Weise geht der Lernprozess schrittweise vom Verstehen und Auswendiglernen zur selbstständigen Verwendung der Sprache über.
Lexikorientierter Ansatz
Eine wichtige Rolle in meiner Methodik spielt der lexikorientierte Ansatz. Das Lernmaterial basiert auf häufig verwendeten Wörtern, Ausdrücken und sprachlichen Konstruktionen, die für die alltägliche Kommunikation wichtig sind. Sprachliche Muster und fertige Sprachmodelle dienen dabei als Bausteine für die Bildung neuer Sätze. Ich verwende dabei das LEGO-Prinzip: Die Lernenden benutzen die gelernten Sprachmodelle wie LEGO-Steine. Sie können einzelne Elemente ersetzen oder verändern und verschiedene Modelle miteinander kombinieren, während die grundlegende Struktur erhalten bleibt Auf diese Weise kann dieselbe sprachliche Konstruktion in vielen unterschiedlichen Situationen verwendet werden. Die Lernenden lernen nach und nach, neue Sätze aus bereits bekannten Elementen „zusammenzubauen“, anstatt jeden Satz vollständig neu bilden zu müssen.
Ein zusätzliches und sehr wirksames Instrument ist dabei die Phase der schnellen beidseitigen mündlichen Einübung von Sprachmodellen (Wörtern, Sätzen und festen Ausdrücken). Der Lernende übersetzt bereits bekannte Konstruktionen schnell aus dem Englischen in die Muttersprache und aus der Muttersprache ins Englische. Diese systematische mündliche Übung unterstützt den schnellen Abruf vertrauter sprachlicher Elemente aus dem Gedächtnis und die Entwicklung einer schnellen automatisierten sprachlichen Reaktion.
In meinem Ansatz ist diese Technik besonders wichtig, weil sie es ermöglicht, die Sprache aktiv über Hören und Sprechen zu trainieren. Sobald eine Konstruktion ausreichend gefestigt ist, kann sie leichter auf neue Kontexte übertragen und nicht nur in ihrer ursprünglichen Form verwendet werden.
Kognitiver Ansatz
Der kognitive Ansatz meiner Methode basiert auf dem Lernen durch bewusste Auseinandersetzung und Verständnis dafür, wie Sprache aufgebaut ist. Für die Lernenden ist es wichtig, nicht nur einen bestimmten Satz zu hören und auswendig zu lernen, sondern zu verstehen, warum er gerade auf diese Weise aufgebaut ist und wie er verändert werden kann. Deshalb bemühe ich mich, sprachliche Erscheinungen so zu erklären, dass der Lernende in seinem Bewusstsein ein verständliches System von Zusammenhängen zwischen Wörtern, grammatischen Formen und Sprachmodellen entwickeln kann.
Dieser Ansatz ermöglicht es, sich vom mechanischen Auswendiglernen hin zu einem bewussten Umgang mit der Sprache zu bewegen. Dadurch können die Lernenden vom rein mechanischen Auswendiglernen zu einem bewussten Verständnis der Sprache übergehen und leichter selbst neue Sätze bilden.
Spiralprinzip
Der Lernprozess folgt dem Spiralprinzip: Bereits gelerntes Material wird regelmäßig wieder aufgegriffen und erneut verwendet, wobei es jedes Mal erweitert oder komplexer gestaltet werden kann. Bekannte Wörter, Ausdrücke und grammatische Strukturen werden mit neuen Inhalten verbunden. Dadurch gelangen die Lernenden schrittweise zu einem höheren Niveau der Sprachverwendung.
Der Wortschatz wird größer, die Situationen werden komplexer und die Lernenden werden zunehmend selbstständiger im Umgang mit der Sprache.
So entwickelt sich der Lernprozess allmählich vom Auswendiglernen zur freien und selbstständigen praktischen Verwendung des Englischen.
Intensives Prinzip der Lernorganisation
Das intensive Prinzip bedeutet in meiner Methode nicht einfach, möglichst viele Informationen in kurzer Zeit zu lernen. Entscheidend ist vielmehr die aktive und wiederholte Verwendung des neuen Materials. Neue Inhalte werden eingeführt, mehrmals mündlich geübt, später wieder aufgegriffen und durch verschiedene Übungen und Situationen gefestigt. Dieselben Wörter und sprachlichen Muster können in unterschiedlichen Zusammenhängen vorkommen. Die häufige Wiederholung und aktive Verwendung machen das Material vertrauter und erleichtern den späteren Abruf.
Mnemotechnische und assoziative Techniken
Ich verwende auch mnemotechnische und assoziative Techniken. Ein neues Wort, ein Ausdruck oder eine grammatische Regel kann mit etwas Bekanntem verbunden werden: mit einem anderen Wort, einem Klang, einer Handlung, einer körperlichen Empfindung, einer vertrauten Situation oder einer persönlichen Assoziation. Solche Verbindungen können das Erinnern an neue Inhalte erleichtern. Die Assoziationen können bei jedem Menschen unterschiedlich sein, da verschiedene Lernende dasselbe Wort oder denselben Ausdruck mit unterschiedlichen Dingen verbinden können.
Elemente des suggestiven Lernens
In der Methodik werden auch einzelne Elemente des suggestiven Lernens eingesetzt — vor allem solche Techniken, die dazu beitragen, psychologisch angenehme Bedingungen für das Erlernen der Sprache zu schaffen, Anspannung und Angst vor Fehlern zu verringern und das Vertrauen des Lernenden in die eigenen Fähigkeiten zu stärken. Dabei geht es nicht um die vollständige Übernahme eines eigenständigen Systems des suggestiven Lernens, sondern um die Anpassung einzelner Prinzipien: einen wertschätzenden Umgang, unterstützendes Feedback, eine ruhige und positive Gestaltung des Lernprozesses, eine schrittweise Steigerung des Schwierigkeitsgrades und die Schaffung einer Atmosphäre, in der der Lernende keine Angst davor hat, Fehler zu machen und die Sprache selbstständig auszuprobieren. Für Menschen mit Sehverlust können ungewohnte Lernbedingungen und die Notwendigkeit, Informationen über andere Wahrnehmungswege aufzunehmen, manchmal zusätzliche Anspannung verursachen. Daher werden emotionaler Komfort und das Gefühl von Erfolg zu einem wichtigen Bestandteil des Lernprozesses.
Auditive, mündliche und taktile Anpassung
Da die Methodik für Menschen mit vollständigem oder teilweise eingeschränktem Sehvermögen bestimmt ist, wird der auditiven und mündlichen Wahrnehmung von Informationen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Das Material wird überwiegend verbal erklärt, durch Zuhören und mündliche Sprache eingeübt und kann bei Bedarf zusätzlich durch taktile Wahrnehmungen, Bewegungen, Gegenstände und andere für die Person zugängliche Wahrnehmungskanäle gefestigt werden. Dabei ist visuelle Information keine notwendige Voraussetzung für das Verständnis und die Aneignung des Materials. Dadurch kann der Unterricht unabhängig vom Grad des vorhandenen Sehvermögens und unabhängig davon, ob die Person Braille verwendet, zugänglich gestaltet werden.
Eigener Ansatz zu Grammatik, Struktur und Logik
Einen besonderen Platz in meiner Methodik nimmt mein eigener Ansatz zur Erklärung und zum Erlernen grammatischer Konstruktionen sowie der Struktur und Logik der englischen Sprache als Ganzes ein. Ich bemühe mich, Grammatik nicht als eine Sammlung einzelner Regeln und Ausnahmen darzustellen, die mechanisch auswendig gelernt werden müssen. Stattdessen werden grammatische Konstruktionen als Elemente eines einheitlichen Systems betrachtet, in dem bestimmte Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten zwischen Konstruktionen, Wörtern und Satzteilen bestehen. Um diese Gesetzmäßigkeiten zu erklären, verwende ich sprachliche und logische Erklärungen sowie bildhafte und, wenn möglich, taktile Methoden, um den Lernenden die Logik einer Konstruktion, die Wortstellung, die Beziehungen zwischen Wörtern und die Funktion einzelner Elemente verständlich zu machen. Die Lernenden müssen dabei nicht ständig die geschriebene Form eines Satzes sehen, um zu verstehen, wie dieser aufgebaut ist. Das Ziel ist ein allgemeines Verständnis der Struktur und der inneren Logik der englischen Sprache. Dadurch können die Lernenden nicht nur bereits gelernte Beispiele wiedergeben, sondern auch selbstständig neue Sätze bilden.
Gesamtziel meiner Methode
Somit verbindet meine Methodik kommunikative und situative Ansätze, kognitive und lexikorientierte Prinzipien, eine spiralförmige und intensive Organisation des Lernens, mnemotechnische und assoziative Methoden, einzelne Elemente des suggestiven Lernens sowie speziell angepasste auditive, mündliche und taktile Möglichkeiten der Arbeit mit sprachlichem Material.
Dabei entwickle ich die Methodik nicht vollständig „aus dem Nichts“: Ich stütze mich auf bereits bestehende und bewährte Methoden des Fremdsprachenunterrichts, wähle daraus die für mich geeigneten Prinzipien, Ansätze und Techniken aus, passe sie an die Besonderheiten des Unterrichts von Menschen mit vollständigem oder teilweise eingeschränktem Sehvermögen an und verbinde sie zu einem einheitlichen System. Gleichzeitig ergänze ich dieses System durch eigene methodische Entwicklungen, darunter meinen eigenen Ansatz zur Erklärung von Grammatik und Sprachstruktur sowie spezielle Methoden zur Organisation und Festigung des sprachlichen Materials.
Das Ziel besteht nicht einfach darin, dass ein Mensch eine bestimmte Anzahl englischer Wörter oder grammatischer Regeln auswendig lernt. Der Mensch soll die Möglichkeit erhalten, Englisch in der realen Kommunikation zu verwenden und sich dabei vor allem auf Hören, Sprechen, das Verständnis sprachlicher Gesetzmäßigkeiten und entwickelte sprachliche Fähigkeiten zu stützen.
Mein Ziel ist es, beim Lernenden ein Verständnis für die innere Struktur und Logik der englischen Sprache zu entwickeln, die Fähigkeit, die notwendigen Sprachmodelle schnell aus dem Gedächtnis abzurufen, selbstständig Äußerungen zu bilden und das gelernte Material auf neue Alltagssituationen zu übertragen - und als Ergebnis eine positive Erfahrung beim Erlernen der Sprache sowie Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu schaffen.
Mir ist wichtig, dass ein Mensch das Gefühl entwickelt, dass Englisch für ihn tatsächlich zugänglich ist. Letztendlich soll die Kenntnis der Sprache einem Menschen dabei helfen, seine Möglichkeiten in der Kommunikation zu erweitern, neue Informationen zu erhalten, zu lernen, zu arbeiten, zu reisen, neue Menschen kennenzulernen und seine persönlichen und beruflichen Pläne zu verwirklichen. Das heißt, ich betrachte Englisch in meiner Methodik nicht einfach als ein Unterrichtsfach, sondern als ein Werkzeug, das einem Menschen helfen kann, selbstständiger zu werden, freier mit der Welt um ihn herum zu kommunizieren, seine Möglichkeiten zu erweitern und sich in verschiedenen Lebensbereichen sicherer zu fühlen.